Wenn du mich vor ein paar Jahren gefragt hättest, worauf es beim Rückruf wirklich ankommt, hätte ich vermutlich gesagt:
Gute Schmeckies, das richtige Timing und Übung.
Viiiiel Übung.
Und dann vielleicht noch ein bisschen mehr Übung.
Meistens sieht der Aufbau so ähnlich aus:
Man überlegt sich ein Rückrufsignal und bereitet beste Leckerlies vor. Dann wird dem Hund erklärt, dass es sich lohnt, aufs Signal hin zu seinem Menschen zu kommen. Für besonders gute Leistungen und zum Abschluss einer Übungseinheit gibt es einen Jackpot, also eine noch krassere oder größere Belohnung. Gestartet wird in ruhiger Umgebung und mit der Zeit und kleinen Erfolgen werden immer mehr Abstand und Ablenkung eingebaut.
Und ganz ehrlich?
Das ist überhaupt nicht schlecht!
Tatsächlich funktioniert das bei vielen Hunden sogar ziemlich gut. Die meisten Hundemenschen, die ich frage, sind mit ihrem Rückruf relativ zufrieden.
Relativ. So zu 80 bis 90%. In bestimmten Situationen.
Das Ding ist: Auch wenn ein 90%-Rückruf schon ziemlich cool ist, bringt er meistens genau dann, wenn es *wirklich* wichtig ist, exakt gar nichts.
Wenn der beste Hundekumpel auf der anderen Straßenseite steht. Wenn Wildgeruch in der Luft liegt. Oder wenn tatsächlich das Reh vom Gebüsch auf den Waldweg springt.
Dann wird aus einem Rückruf, der in der Theorie wunderbar funktioniert, der Vorbote für eine große Enttäuschung.
Am Anfang meiner Hundehalterinnenkarriere habe ich mir viele Vorwürfe gemacht, als mein damals einjähriger Hund, der “eigentlich” schon gut frei laufen konnte und “fast immer” sofort zurückkam, dann um 22 Uhr nachts eine Freigängerkatze in die Tiefen der Dunkelheit jagte und minutenlang wie vom Erdboden verschluckt war. Wer schon einmal nachts allein im Wohngebiet gestanden und gefühlt ins Nichts gerufen hat, weiß vermutlich ziemlich genau, wie lang sich zwei Minuten anfühlen können.
Glücklicherweise kam sie zurück. Voller Ekstase sogar. Ihre gute Laune konnte ich aber so gar nicht teilen.
Ich war wütend. Dann enttäuscht. Und zu guter letzt traurig.
Nach Erfahrungen wie dieser habe ich immer doll an mir, meiner Kompetenz, dem Training und meiner Zukunft als Hundehalterin gezweifelt.
Habe ich nicht genug trainiert?
War die Belohnung im Training nicht hochwertig genug?
Hätte es etwas gebracht, früher zu rufen…? Aber es war eigentlich unmöglich, ich habe die Katze doch gar nicht gesehen.
Ich sollte sie gar nicht mehr ableinen. Aber dann kann sie nicht so schön laufen, das geht doch nicht.
Vielleicht bin ich diesem Hund einfach nicht gewachsen. Vielleicht sollte ich besser gar keine Hunde halten, wenn es immer so scheiße ist.
Ganz ehrlich?
Völlig egal, ob sie die restlichen 90% ganz gut zurückkam: Es hat mich so angekotzt, dass sie in diesen wichtigen Situationen ganz eindeutig mein Signal gehört und einfach drauf geschissen hat. Ich kam mir richtig blöd vor, wie ich da mit meiner Fleischwurst stand und immer wieder gerufen habe, während mein Hund gerade irgendwelche dummen Sachen tut. Als wäre all meine Arbeit umsonst.
Aber was sollte ich denn noch tun, damit ich nicht mehr bei jedem Rascheln Angst haben muss, meinen Hund zu verlieren?
Die meisten Hunde verstehen den Rückruf längst
Sehr lange war ich überzeugt, dass wir einfach noch mehr trainieren müssten. Dass ich schneller, konsequenter und strenger sein müsste.
Schließlich klappte es ja meistens.
Sie kam auf unserem Hinterhof und auf bekannten Wegen wunderbar – sogar mit Einparken am linken Bein.
Wenn ich früh genug gerufen habe und mein Ton laut und eindringlich genug war, kam sie sogar, wenn andere Hunde in der Nähe waren.
Aber erstens klappte auch das nicht immer [unser Endboss: Menschen, die sie aktiv gelockt haben oder wenn sie eh schon überreizt war] und zweitens gab es Situationen wie die mit der Katze, wo es einfach unmöglich war, schnell und laut genug zu sein. Das hat mich jahrelang gewurmt.
Wenn ein Hund mal kommt und mal nicht, liegt die Vermutung nahe, dass er den Rückruf einfach noch nicht richtig verstanden oder nicht ausreichend verknüpft hat. Möglicherweise ist der Mensch beziehungsweise die Belohnung nicht attraktiv genug. Oder die Konsequenz fürs Nicht-Kommen nicht hart genug.
Heute sehe ich das anders.
Denn je mehr Mensch-Hund-Teams wir in der Gefährtenschmiede begleiten, desto häufiger begegnet uns dieser Ausgangspunkt:
Der Hund kennt den Rückruf. Also, wirklich. Er weiß definitiv, was das Signal bedeutet.
Sonst würde er nicht in den meisten Situationen zuverlässig darauf reagieren.
Das bedeutet übrigens nicht automatisch, dass jeder Hund einen perfekten Rückrufaufbau hinter sich hat. Muss es auch überhaupt nicht.
Denn die Crux liegt woanders:
Wenn der Hund sehr wohl weiß und versteht, was sein Mensch von ihm möchte, warum tut er es dann nicht?
Das klingt erstmal wieder nach dem Dilemma “ich bin nicht attraktiv / durchsetzungsfähig genug”. Ist es aber nicht.
Vielmehr müssen wir uns eine andere Frage stellen.
Aus:
„Wie erkläre ich meinem Hund, wie das mit dem Rückruf funktioniert?“
wird:
„Warum entscheidet er sich dagegen, zukommen?“
Und das sind zwei völlig unterschiedliche Probleme.
Warum mehr Rückruftraining meistens nicht die ganze Antwort ist
Nehmen wir einmal an, dein Hund kennt bereits einen Rückruf.
Jede weitere Wiederholung würde ihn dann weiter festigen, indem der Hund wiederholt die Bestätigung bekommt, dass der Ablauf des Rückrufes auf eine bestimmte Art und Weise funktioniert. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Die Frage ist nur, ob das die eigentliche Ursache löst.
Ich weiß, das klingt ein bisschen paradox. Wenn ein Verhalten gefestigt wird, zeigt der Hund es häufiger. Ist doch logisch, oder?
Auf der Verhaltensebene stimmt das schon. Bewegen wir uns jedoch auf die psychologische Ebene, merken wir: zwischen dem Verstehen eines Signals und der Entscheidung, ihm zu folgen, liegt manchmal eine erstaunlich große Lücke.
Vielleicht kennst du das sogar von dir selbst.
Wir alle treffen regelmäßig Entscheidungen gegen Dinge, von denen wir wissen, dass sie eigentlich sinnvoll wären.
Nicht weil wir sie nicht verstanden hätten, sondern weil in diesem Moment etwas anderes wichtiger erscheint.
Ich erwische mich zum Beispiel immer wieder dabei, wie ich stundenlang auf meinem Handy doomscrolle, statt endlich mal die Wäsche abzuhängen und wegzupacken. Und auch wenn die sozialen Medien ihren Teil dazu beitragen, habe ich am Ende trotzdem die Wäsche ignoriert und weitergescrollt. Auch wenn es unangenehm ist: In dem Moment habe ich eine Entscheidung gegen das Sinnvolle getroffen.
Beim Hund funktioniert es ähnlich.
Einer Spur folgen, stehen bleiben und beobachten, weitergehen, zurückkommen, auf halber Strecke anhalten und den Baum markieren, Orientierung an anderen Hunden oder an dir – all das sind Entscheidungen.
Und genau deshalb behandeln wir den verlässlichen Rückruf nicht als ein reines Trainingsproblem, sondern vor allem als ein Entscheidungs- und Beziehungsproblem.
Worauf es beim Rückruf wirklich ankommt
Wenn die Reaktion auf den Rückruf tatsächlich eine Entscheidung ist, ergibt sich automatisch eine neue Frage:
Warum sollte dein Hund überhaupt kommen wollen?
Die meisten Trainingsansätze beschäftigen sich vor allem damit, wie wir den Hund zu einem Verhalten bringen können.
Wie wir ihn motivieren. Wie wir ihn belohnen oder bestrafen. Wie wir das Signal aufbauen.
All das hat natürlich seine Berechtigung. Es greift aus unserer Sicht nur oft zu kurz.
Denn ein Verhalten entsteht erst dann richtig nachhaltig, wenn es für den Hund auch wirklich Sinn ergibt. Der wirklich verlässliche Rückruf entsteht selten erst in dem Moment, in dem wir rufen.
Er entsteht viel früher, in den vielen kleinen Situationen des Alltags.
Dort, wo Orientierung entsteht, wo Kooperation entsteht und wo dein Hund lernt, dass es sinnvoll ist, zumindest mit einer Gehirnhälfte bei dir zu bleiben.
Dort, wo dein Hund erkennt, dass du sein safe space bist und aus euch zwei Individuen langsam ein Gefährtenteam wird.
Vielleicht ist das der größte Perspektivwechsel überhaupt:
Ob dein Hund beim Rückruf kommt, wird nicht in dem Moment entschieden, in dem du rufst.
Die Antwort entsteht schon lange davor.
Warum allgemeine Rückruf-Tipps oft nicht funktionieren
An diesem Punkt kommt meistens die Frage:
„Okay. Aber was bedeutet das jetzt konkret für meinen Hund?“
Und die Antwort lautet: Es ist kompliziert.
Denn selbst wenn wir akzeptieren, dass Rückruf nicht nur ein Signalproblem ist, sondern oft etwas mit Orientierung, Kooperation und Entscheidungen zu tun hat, wissen wir noch lange nicht, warum ein bestimmter Hund nicht kommt.
Vielleicht hast du schon einmal erlebt, dass ein Rückruf-Tipp bei einem anderen Hund fantastisch funktioniert hat.
Der Besitzer schwört darauf. Kommentarspalten und Forenbeiträge sind voller Erfolgsgeschichten.
Also probierst du es selbst aus und stellst fest: Bei euch verändert sich… nichts. Noch ein zerbrochener Hoffnungsschimmer. I feel you.
Aber sei bitte gnädig mit euch und dem Training. Wenn ein Tipp nicht funktioniert, bedeutet das nicht automatisch, dass er schlecht war oder dass du versagt hast.
Es bedeutet häufig nur, dass er für ein anderes Problem gedacht war.
Denn Hunde kommen nicht alle aus denselben Gründen nicht zurück.
Der eine Hund verliert sich komplett in seiner eigenen Welt. Draußen gibt es einfach so viele spannende Dinge, dass er gerade keinen Kanal für seinen Menschen offen hat.
Ein anderer Hund reagiert durchaus auf seinen Menschen, scheint aber ständig über den Rückruf verhandeln zu wollen. Er kommt. Irgendwann. Nachdem er nochmal den Grashalm beschnuppert und den Baum markiert hat. Zu seinen Bedingungen halt.
Wieder ein anderer Hund würde eigentlich gerne kommen, wirkt aber unsicher, zögert oder bleibt auf Distanz.
Und dann gibt es Hunde, die in bestimmten Momenten regelrecht von ihren Impulsen mitgerissen werden.
Von außen betrachtet sieht all das oft gleich aus – der Hund kommt halt nicht. Die Ursache dahinter kann jedoch völlig unterschiedlich sein.
Allgemeine Rückruf-Tipps greifen deshalb häufig zu kurz, weil sie voraussetzen, dass alle Hund-Mensch-Teams dieselbe Herausforderung haben. Und wenn wir jetzt mal ganz nüchtern sind, unterstelle ich mal, dass du und ich genau wissen, dass manche Herausforderungen… besonders sind, haha.
Also: Je besser wir verstehen, warum ein Hund sich aktuell gegen seinen Menschen entscheidet, desto klarer wird meist auch, woran wir eigentlich arbeiten sollten.
Deshalb endet die wichtigste Frage heute nicht bei:
„Wie trainiere ich einen guten Rückruf?“
Sondern bei:
„Warum entscheidet sich mein Hund aktuell dagegen, zu kommen?“
Wenn du darauf eine ehrliche Antwort finden möchtest, haben wir unsere kostenlose Rückruf-Typenanalyse entwickelt.
Sie hilft dir dabei herauszufinden, welcher Rückruf-Typ dein Hund ist und warum Tipp XY bei ihm nicht funktioniert hat, welche Muster bei euch eine Rolle spielen und welche Veränderungen in euren Alltag finden dürfen, damit es verlässlich klappt.
Denn der Hund, der ignoriert, braucht etwas anderes als der Hund, der trödelt.
Der Hund, der zögert, braucht etwas anderes als der Hund, der impulsiv losstürmt.
Und genau dort beginnt oft die Veränderung, die sich viele Hundehalter eigentlich vom Rückruftraining erhoffen.